Samstag, 23. März 2013

Weshalb ich keine Gedichte mehr schreibe

Mir fällt nichts mehr ein, das leere Blatt Papier ekelt mich an. Vor 25 Jahren schrieb ich in einer kleinen Zeitschrift einen Aufsatz über damals zeitgenössische Lyrik: „Dem Lyriker bleibt angesichts der poetischen Inflation nur der Ausweg, mit dem Gedichteschreiben aufzuhören oder umzusatteln auf andere Formen, am besten auf Trivialformen des Romans.“ In meinem aktuellen, meinem letzten Gedichtband „Scherbenballett“ stehen die beiden Zeilen: „Ein Gedicht/ ein Moment ohne Unterschlupf.“
Ich habe aufgehört Gedichte zu schreiben, ich schreibe (wie übrigens schon seit 30 Jahren) Gebrauchstexte und Infotainment. Das „Verstummen“ war von Anfang an in meinen Gedichten angelegt. In meinem ersten Gedichtband „Vorübergehende Nähe“ tauchen gleich zweimal das Motiv der abgeschnittenen Zunge auf und Sätze wie: „Dieser Text ist einer / den man nicht hört“ oder „Schrift,/ die sich löscht.“
Das ideale Gedicht entsteht für mich durch äußerste sprachliche Reduktion bei maximaler Welthaltigkeit. Ein absurdes Vorhaben, denn Gedichte bestehen aus Worten. Wie soll sich da maximale Welthaltigkeit einstellen? Gedichte sind also in der Tat „Momente ohne Unterschlupf“ in der Welt, im Dasein. Das lakonischste Gedicht ist das leere Blatt Papier.
Nun also stehe ich vor einem „abgeschlossenen Sammelgebiet“, wie Briefmarkensammler sagen. Es kommen keine neuen Gedichte mehr zu der Handvoll, die (noch) unveröffentlicht sind, es sei denn Übersetzungen wie demnächst ins Tschechische. Voraussichtlich kommen keine neuen Gedichte mehr dazu, muss ich dazu sagen, vielleicht fange ich wieder an zu sprechen, zu dichten? Ich beginne, meine Gedichte zu betrachten, als seien sie von einem fremden Autor, der nicht mehr auf dieser Welt weilt.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen